Von Nazi-Spionen bis zum Zodiac-Killer - KI mischt die Kryptoanalyse auf
Mithilfe generativer KI-Modelle haben Forscher kürzlich mehrere historische Geheimbotschaften entschlüsselt. Die Technologie eröffnet neue Möglichkeiten für die Kryptoanalyse, wirft aber auch Fragen zur Zuverlässigkeit der Ergebnisse auf.
Manche Geheimnisse aus der Zeit vor mehr als 80 Jahren beginnen dank künstlicher Intelligenz zu bröckeln. Im September 2026 gelang es einem türkischen Cybersicherheitsforscher, fünf verschlüsselte Nachrichten eines mutmasslichen deutschen Spions aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschlüsseln. Wenige Wochen später entzifferte ein russischer Ingenieur eine rätselhafte Geheimbotschaft, die in einer Flasche gefunden worden war. Die beiden Fälle zeigen, wie KI die Kryptoanalyse beschleunigen kann. Darüber berichtete kürzlich das Magazin "Popular Mechanics".
Im ersten Fall geht es um Walter Koehler, einen deutschen Agenten, der während des Zweiten Weltkriegs in die USA geschickt worden war. Seine fünf verschlüsselten Nachrichten, die er im Februar 1944 an die nationalsozialistischen Geheimdienste übermittelt hatte, blieben trotz jahrzehntelanger Nachforschungen ungelöst. Schliesslich sei es dem 22-jährigen Cybersicherheitsforscher Eren Bozbulut gelungen, die Nachrichten mithilfe von KI-Modellen zu entschlüsseln, darunter GPT-6 Astra von OpenAI.
Bei seinen Nachforschungen sei der Forscher in den Archiven der US-Küstenwache auf eine Nachricht gestossen, die Ähnlichkeiten mit einem der Kryptogramme aufgewiesen habe. Durch den Vergleich der Texte identifizierten Bozbulut und die KI-Modelle laut Bericht das verwendete Verschlüsselungsverfahren: einen Schlüssel, der auf Passagen aus einem niederländischen Gebetbuch aus dem Jahr 1893 beruhte. Mit dieser Entdeckung hätten sich alle fünf Nachrichten entschlüsseln lassen. Der deutsche Kryptologe Klaus Schmeh, der sich seit Jahren mit dem Rätsel beschäftigt hatte, beschreibt die Lösung in seinem Blog.
Eine Geheimbotschaft in einer Flasche
Auch ein anderes Rätsel konnte kürzlich gelöst werden: eine verschlüsselte Nachricht, die in einer vergrabenen Flasche in Baltijsk bei Kaliningrad in Russland gefunden worden war. Wie Klaus Schmeh in einem weiteren Blogbeitrag berichtet, nutzte der Ingenieur Anton Zaytsev das KI-Modell Claude von Anthropic, um verschiedene Entschlüsselungsansätze zu entwickeln und zu testen.
Er verglich dabei die Buchstabenhäufigkeit des Kryptogramms mit jener von Millionen Texten und entdeckte dabei eine Übereinstimmung mit dem Text eines populären Liedes aus der ehemaligen DDR. Die Analyse ergab, dass die Nachricht auf einem Transpositionsverfahren beruhte, bei dem die Buchstaben des ursprünglichen Textes neu angeordnet werden.
KI soll Zodiac-Killer enttarnt haben
Andere Untersuchungen kommen zu deutlich umstritteneren Ergebnissen. Wie Popular Mechanics berichtet, behauptet der amerikanische Hobbyermittler Alex Baber, mithilfe von KI das sogenannte Z13-Kryptogramm des Zodiac-Killers gelöst zu haben. Der Serienmörder war Ende der 1960er-Jahre für mehrere Morde in Kalifornien verantwortlich. Der Fall wurde unter anderem durch David Finchers Film "Zodiac" aus dem Jahr 2007 bekannt.
Babers Programm soll 71 Millionen mögliche Namen generiert haben, die er anschliessend anhand historischer Daten und körperlicher Merkmale des Verdächtigen eingrenzte. Das Ergebnis deute auf Marvin Merrill hin, ein Pseudonym von Marvin Skipton Margolis. Dieser gilt demnach auch als Verdächtiger im Fall der "Schwarzen Dahlie", einem Mord aus dem Jahr 1947.
Die Theorie, die unter anderem der Schriftsteller Michael Connelly aufgegriffen hat, ist allerdings umstritten. Klaus Schmeh hält die 13 Zeichen des Kryptogramms für zu kurz, um eine zuverlässige Entschlüsselung zu ermöglichen. Bei einer derart kurzen Nachricht könnten zahlreiche unterschiedliche Lösungen passen.
KI-Ergebnisse müssen überprüft werden
Die Beispiele zeigen, welches Potenzial KI bei der Kryptoanalyse bietet. Sie kann verschiedene Verschlüsselungsverfahren rasch durchspielen, grosse Textbestände nach Übereinstimmungen durchsuchen und bei der Entwicklung von Analysewerkzeugen helfen. Klaus Schmeh hält es sogar für möglich, dass der Herbst 2026 als wichtiger Meilenstein in die Geschichte der Kryptologie eingehen könnte, weil sich KI-gestützte Entschlüsselungen häufen.
Allerdings müssten Forschende die Ergebnisse sorgfältig überprüfen. Die Kryptologieexpertin Elonka Dunin erinnert gegenüber Popular Mechanics daran, dass KI-Modelle auch plausible Antworten erfinden können. Eine scheinbar überzeugende Lösung sei deshalb noch kein Beweis. Entscheidend sei, dass sich das verwendete Entschlüsselungsverfahren nachvollziehbar belegen lasse.
KI kann nicht nur beim Entschlüsseln helfen, sondern auch vermeintlich sichere Passwörter erzeugen. Warum gerade diese Passwörter zum Sicherheitsrisiko werden können, lesen Sie hier.
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