SCSD 2026: Die digitale Souveränität der Nischen
Mitte Februar haben in Bern die Swiss Cyber Security Days stattgefunden. Das Thema: die digitale Souveränität. Der Bundeskanzler ordnete die Lage in der Verwaltung ein und der Direktor des BACS sagte, wie man Souveränität in den Nischen herstellen kann.
Die Swiss Cyber Security Days (SCSD) haben Bern am 17. und 18. Februar 2026 wieder zur "City of Cybersecurity" gemacht; jedenfalls wenn es nach SCSD-Präsident Nik Gugger geht. Denn Bern sei der Ort, wo "die digitale Frontlinie auf Diplomatie trifft, wo Innovation auf Souveränität trifft und wo die geopolitische Zukunft der Cybersicherheit gestaltet wird", wie er in seiner Begrüssungsrede sagte.
Die SCSD stehen in diesem Jahr unter dem Motto "Digital Sovereignty - The New Frontier"; ein Thema, das stark geprägt ist von aktuellen geopolitischen Spannungen. "Wir leben in Zeiten grosser Umbrüche", sagte SCSD-Programmdirektor Nicolas Mayencourt in seiner Auftaktrede. "Und die zentrale Frage lautet: Wer wird die Regeln der neuen Weltordnung festlegen?"

Nik Gugger, SCSD-Präsident und Nationalrat. (Source: Netzmedien)
Die digitalen Räume seien nicht mehr neutral; sie seien strategisch und politisch - "und sie sind entscheidend für unsere Zukunft", sagte Mayencourt. Empörung oder Angst seien keine guten Strategien in dieser neuen Realität - weder für Europa noch für die Schweiz. Die SCSD sollen daher auf eine sehr praktikable Weise die Perspektiven von Politik, Wirtschaft und Forschung zusammenbringen und den Diskurs mehr auf Möglichkeiten und Lösungen lenken, damit die Gespräche nicht bei den Risiken alleine verharren.

Nicolas Mayencourt, SCSD-Programmdirektor sowie Gründer und CEO von Dreamlab Technologies. (Source: Netzmedien)
Keine rasche oder vollständige Abkehr von Microsoft beim Bund
Zunächst musste aber das Problem beschrieben werden. Bundeskanzler und Ehrengast Viktor Rossi brachte es in seiner Rede schnell auf den Punkt: "Die Bundesverwaltung ist abhängig von externen Anbietern und auch von grossen ausländischen Konzernen." Dies treffe nicht nur auf die Bundesverwaltung zu, sondern vermutlich auf jede Verwaltung und praktisch jedes Unternehmen. "Und das wissen wir auch schon lange." So habe sich der damals noch neue Informatikrat des Bundes 1999 in seiner ersten Sitzung bereits mit der Einführung von Windows 2000 auseinandergesetzt und über die Gefahren und Risiken der steigenden Abhängigkeit von Microsoft-Produkten diskutiert.

Die SCSD 2026 fanden wieder in der Bernexpo statt. (Source: Netzmedien)
"Eine rasche und vollständige Abkehr des Bundes von Microsoft oder von M365 ist weder realistisch noch zwingend", sagte Rossi. Denn die Bundesverwaltung stehe nicht auf einer grünen Wiese mit der Möglichkeit, von Grund auf neu zu bauen; zwar müssten Abhängigkeiten gezielt reduziert werden, aber dies gehe nur schrittweise. Einer dieser Schritte ist eine Machbarkeitsstudie, welche die Bundeskanzlei derzeit durchführt. Mit dieser will sie testen, inwiefern Open-Source-Lösungen als BCM-Alternative und für die Bearbeitung sensibler Dokumente in Frage kommen.
"In diesem Prozess tauschen wir uns auch mit Pionieren aus", sagte Rossi und nannte beispielhaft das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein. Dieses habe in den vergangenen 7 Jahren den Wechsel zu Open-Source-Büroumgebungen zu 80 Prozent vollzogen. "Das zeigt: Grundsätzlich ist eine Umstellung möglich, sie ist aber aufwendig, teuer und dauert seine Zeit."
Austauschbare Softwareanbieter werden wünschenswert
In seiner Rede adressierte Rossi auch Softwarehersteller und -lieferanten. "Entwickeln Sie Produkte, die austauschbar sind mit anderen Produkten von anderen Lieferanten", sagte er. "Mir ist schon klar, als Firma machen Sie sich damit in einem ersten Schritt ersetzbar, aber ich bin überzeugt, genau das kann eben auch ein strategischer Vorteil und ein Business Case werden, der sich lohnen kann." Die Vermeidung von Abhängigkeiten könnte zum Verkaufsargument werden.

Bundeskanzler Viktor Rossi auf der Bühne der SCSD 2026. (Source: Netzmedien)
"Souverän ist nicht, wer sich abschottet, sondern wer Abhängigkeiten kennt, wer Wahlmöglichkeiten schafft und sie dort, wo sinnvoll, auch gezielt reduziert", kam Rossi zum Schluss. Das Thema gehe alle etwas an - vom Bund über die Kantone und Gemeinden bis zu den Bürgerinnen und Bürgern. "Und deshalb braucht es auch von allen einen Einsatz."
Die Schweiz muss den Vergleich nicht scheuen
Das Lagebild in der Schweiz, wenn es um digitale Souveränität geht, präsentierte Florian Schütz, Direktor des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS). "Ganz so schlecht stehen wir nicht da", sagte er. Es gibt gemäss Schütz "ein oder zwei Dinge, die wir in der Schweiz ganz gut machen". Die Selbstkritik helfe dabei, besser zu werden, aber geisseln müsse die Schweiz sich nicht.
Schütz plädierte dafür, nicht nur auf Regulierungen zu setzen, sondern auch Anreizsysteme zu schaffen. Einen eigenen Schweizer Tech-Stack bauen, könne die Schweiz wohl nicht. "Und wenn sie es könnte, sollte sie es wahrscheinlich auch nicht tun", sagte er. Er schlug einen anderen Weg vor: "Abhängigkeiten können Souveränität geben." Um Wahlfreiheit zu haben, braucht die Schweiz laut dem BACS-Direktor Firmen, die IT- und Cybersecurity-Produkte global vermarkten und so Abhängigkeiten schaffen können.

Florian Schütz, Direktor des Bundesamts für Cybersicherheit. (Source: Netzmedien)
Um sein Argument zu illustrieren, brachte er die Halbleiterfertigung als Beispiel. Aktuell gibt es gemäss dem BACS-Direktor zwei Firmen weltweit, die Sub-3-Nanometer-Chips produzieren können - eine sitzt in Taiwan, die andere in Südkorea. Und wie viele Firmen gibt es, die die Maschinen herstellen, die diese Chips produzieren? Eine, ASML, und die sitzt in den Niederlanden, wie Schütz erklärte. Die dafür benötigten Linsen? Wieder nur eine: Zeiss mit Sitz in Deutschland - in Japan komme aber Konkurrenz auf. Und die Software für diese Maschinen komme aus den USA. "Das ist eine globale Lieferkette", sagte Schütz, und alle seien abhängig voneinander. Versuche, diese verteilte Supply Chain zu regionalisieren, das Wettrennen um "Tech Supremacy", führten nun zu globalen Spannungen. Und auch zu Cyberattacken - denn "man muss diese Maschinen ja irgendwie kopieren" und wenn man die entsprechenden Daten stiehlt, spart man den Forschungsaufwand.
Wo die Schweiz Souveränität schaffen kann
"Die Frage ist jetzt, wie man sich da positionieren möchte?", fragte Schütz den Raum. Es werde viel von Europa gesprochen. "Ja, die Schweiz ist in Europa", sagte er und räumte ein, dass der Kontinent durchaus Chancen habe. Europa sei der zweitgrösste IT-Markt der Welt und wachse erst noch schneller als die USA.
Der BACS-Direktor plädierte allerdings dafür, in die Nischen zu gehen, statt mit den Tech-Giganten konkurrieren zu wollen. "Wir vergessen sehr oft, dass man auch Souveränität herstellen kann, indem man in diesen Nischen interessante Produkte anbietet." Die Schweiz biete etwa IT-Produkte an, die beim Entladen von Hochseeschiffen zum Einsatz kommen. "Hier gibt es nur wenig Konkurrenz", sagte er. Für gewisse Komponenten in den dafür benötigten Kränen gebe es nur einen oder zwei Anbieter weltweit. Die nächsten Nischen, die es zu besetzen gelte, seien Quantenkryptografie und KI. Und die Schweiz habe in diesen Bereichen "dominante Forschungsergebnisse", sagte Schütz.

BACS-Direktor Schütz interagiert mit dem Publikum. (Source: Netzmedien)
Aber nur innovativ zu sein, genüge nicht. "Es geht auch darum, dass wir beginnen, Firmen aufzubauen, die skalieren und einen globalen Markt bedienen können", sagte Schütz. Firmen, deren Angebote auch von staatlicher Seite genutzt werden können.
Der Druck muss von unten kommen
Die digitale Souveränität betrifft alle - das sagten einige Referenten an den SCSD. Dass Bürgerinnen und Bürger - insbesondere die Privatwirtschaft - noch viel aktiver werden müssen, dieser Meinung war Cristina Caffarra. Im Rahmen von Eurostack setzt sie sich dafür ein, dass Europa eine souveräne, offene und sichere IT-Infrastruktur (Clouds, KI, digitale Identitäten) aufbaut. Der Grund, wieso Europäer und Europäerinnen endlich aufwachen sollten, sind die fruchtlosen Regulierungsversuche der EU. An diesen war Caffarra nach eigenen Angaben selbst beteiligt.

Cristina Caffarra, Chairperson der Eurostack Initiative Foundation. (Source: Netzmedien)
Die Regulierungen der grossen Tech-Monopole seien zwar "gute Entscheidungen von Brüssel" gewesen, verändert hätten diese allerdings "rein gar nichts", sagte sie auf der Berner Bühne. "Wir haben die Stellung dieser Monopole in keiner Weise angetastet." Die Wahrheit sei, dass diese Unternehmen zu smart, zu reich, zu stark oder zu schnell seien - "der Versuch, sie zu regulieren oder gegen sie vorzugehen, ist vergeblich". Insbesondere die Vorstellung, dass die Regulation der grossen Tech-Firmen die lokale Industrie ankurbeln würde, habe sich als Trugschluss erwiesen. Eine Regulierung der einen sei keine Förderung der anderen.
Diese Ausgangslage sei "nicht besonders wunderbar", präzisierte Caffarra ihren Standpunkt im Rahmen einer Medienkonferenz an den SCSD. Die Erkenntnis sei nun, "dass wir in Europa mit 'brute Force' aufbauen müssen, was wir in den vergangenen 15 Jahren versäumt haben". Es sei zwar spät, aber noch nicht zu spät, um damit zu beginnen. Und Europa sei absolut dazu in der Lage, zeigte sich Caffarra überzeugt. "Denn wir verfügen über die erstaunlichsten Fähigkeiten, die erstaunlichste Technologie und die erstaunlichsten Talente in Europa", sagte sie. Europa verfüge über Mittel und Möglichkeiten, die die USA nicht hätten. Hier nannte sie etwa den Maschinenbau - dieser sei weltweit unübertroffen. "In Kombination mit KI können wir in diesem Bereich sicherlich Erfolge erzielen", sagte Caffarra.

Caffarra auf der Berner Bühne. (Source: Netzmedien)
"Dieses Rennen ist keineswegs bereits verloren. Doch es ist eine Frage der Haltung und der Einstellung." Es liege an uns - und damit meinte sie die Privatwirtschaft und die Bevölkerung. "Wir müssen aufhören, uns als Europäer durch diese Vorstellung infantilisieren zu lassen, dass die Europäische Kommission irgendetwas dagegen unternimmt", sagte sie, bevor sie kurz später nachdoppelte: "Seit wann glauben wir, dass eine Institution, die aus Juristen und Bürokraten besteht, die Zukunft der digitalen Industrie in Europa gestalten kann?" Der Druck, in die digitale Souveränität zu investieren und eine europäische IT-Industrie aufzubauen, müsse von unten kommen.
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