Global Cyber Conference 2026

Europäische Superkräfte, CISO-Metamorphosen und der Cyber-Weltkrieg

Uhr
von Coen Kaat und NetzKI Bot und jor

Anfang September hat im Dolder Grand die fünfte Ausgabe der Global Cyber Conference stattgefunden. Die Referenten, darunter BACS-Direktor Florian Schütz, sprachen über KI, Geopolitik, die Rolle des CISOs und darüber, wieso Unternehmen nicht nur die Kronjuwelen schützen sollten.

An den ersten beiden Tagen im September hat im Luxushotel Dolder Grand ein kleines Jubiläum stattgefunden: Die Global Cyber Conference des Swiss Cyber Institute feierte ihre fünfte Ausgabe. 

Die Cybersecurity-Branche und die Welt als Ganzes befinden sich derzeit in einem starken Wandel - unter anderem aufgrund des Aufkommens der generativen künstlichen Intelligenz. "Meistens ist Veränderung etwas Gutes", sagte Samir Aliyev, CEO und Gründer des Veranstalters, des Swiss Cyber Institute, zum Auftakt der Konferenz. "Doch derzeit erleben wir einen exponentiellen Wandel - und dieser Wandel kann Unternehmen, Menschen und manchmal auch ganzen Branchen schaden."

Samir Aliyev, CEO und Gründer des Swiss Cyber Institute. (Source: Netzmedien)

Samir Aliyev, CEO und Gründer des Swiss Cyber Institute. (Source: Netzmedien)

Während KI Jobs vernichtet und schafft und Quantum Computing von akademischer Theorie zur industriellen Realität wird, nehmen Cyberattacken weiterhin zu, erläuterte Aliyev. "Wie sieht die Zukunft aus?", fragte der Gastgeber. "Wie können wir wirklich vorhersagen, wie sich unser Leben und unsere Karriere in den nächsten drei bis fünf Jahren entwickeln werden? Und wie können wir unsere Organisation angesichts all dieser Veränderungen in der KI- und Quantenwelt wirklich steuern - sowohl aus einer Security- als auch aus einer Governance-Perspektive?" 

Genau das seien die Themen dieser Konferenz, die Security- und IT-Verantwortliche aus 22 Ländern in Zürich zusammenbringt. Moderator Nick James fasste diese Konvergenz so zusammen: KI wird zum Angriffsvektor, aber auch zum Abwehrmechanismus, Quantencomputing wird Realität und zugleich zum Problem, und die geopolitische Lage wird zunehmend komplex. 

Wie sich die Schweiz im KI-Wettrennen positionieren kann

Die erste Person, die sich an der Global Cyber Conference mit diesen Themen in einer Keynote befasste, war Florian Schütz, Direktor des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS). So sprach er etwa darüber, wie sich die Schweiz im KI-Wettrennen zwischen den beiden Supermächten USA und China positionieren könne. Die EU - das wisse er von einer Unterhaltung mit einer Person, die für die EU arbeite - wolle eine äusserst wettbewerbsfähige KI entwickeln. Aber woher nimmt sie den Strom dafür? "Mit der heutigen Technologie verfügen wir nicht über genügend Kühlwasser, um Rechenzentren zu kühlen, die gross genug wären, um eine konkurrenzfähige KI bereitzustellen", mahnte Schütz. "Aber wir verfügen über innovative Kühltechnologien, mit denen sich der Energiebedarf reduzieren lässt." Wenn man über Cybersecurity und die Reduktion von Abhängigkeiten spreche, würden alle diese Faktoren eine Rolle spielen. 

Dass man in der Schweiz miteinander reden und auch unterschiedliche Meinungen haben könne, sei ein Vorteil für das Land, wenn es sich positionieren will. Eine weitere Stärke der Schweiz sei die Fähigkeit, auch international mit unterschiedlichen Partnern zu reden und gemeinsam Lösungen zu finden. 

Florian Schütz, Direktor des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS). (Source: Netzmedien)

Florian Schütz, Direktor des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS). (Source: Netzmedien)

Schütz empfahl auch einen Blick über den Tellerrand auf den Cyber Resilience Act der EU. "Ich sage nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, aber der Grundansatz ist sehr überzeugend." Man sollte keine fehlerhaften Produkte auf den Markt bringen dürfen, die Schaden verursachen - "schliesslich darf man auch keine giftigen Farben verkaufen", sagte er. Im IT-Business sei das Fehlen genau solcher Verbote jedoch ein enormes Problem.

"Auf der einen Seite hat man ein billiges Produkt voller Schwachstellen und auf der anderen ein teures Produkt, das möglicherweise viel besser ist", sagte Schütz. Wie soll ein Konsument oder ein Betreiber eines Stromnetzes sich hier korrekt entscheiden können, ohne einfach den Marketingbotschaften zu glauben oder für viel Geld eine Beratung durch eine Drittfirma zu bestellen? "Deswegen denke ich, dass eine leichte Regulierung, die dafür sorgt, dass alle fair konkurrieren können, die Cybersecurity der Schweiz stärken kann", sagte der BACS-Direktor. 

Der Cyber Resilience Act der EU ist am 10. Dezember 2024 in Kraft getreten. Die Verordnung ­beinhaltet neue Pflichten für Hersteller von "Produkten mit digitalen Elementen". Was das für Schweizer Unternehmen bedeutet, lesen Sie hier.

Das Cyber-Frühwarnsystem der EU

Der nächste Redner, Luca Tagliaretti, Executive Director des European Cybersecurity Competence Centre (ECCC), stellte zunächst klar, dass er nicht die Person gewesen sei, mit der Schütz über die KI-Pläne der EU gesprochen habe. Anschliessend sprach er darüber, wie kritische Infrastruktur zunehmend als geopolitisches Druckmittel genutzt werde - und wie die EU darauf reagiere.

Mit dem Cyber Solidarity Act habe die EU die Grundlage für ein Netzwerk an Cybersecurity-Hubs geschaffen. Die ersten beiden grossen Hubs - einer im Mittelmeerraum und einer in Mitteleuropa - befinden sich derzeit in der Finanzierungs- und Beschaffungsphase; in den nordischen Ländern soll später der dritte Hub entstehen. 

Luca Tagliaretti, Executive Director des European Cybersecurity Competence Centre (ECCC). (Source: Netzmedien)

Luca Tagliaretti, Executive Director des European Cybersecurity Competence Centre (ECCC). (Source: Netzmedien)

Die Hubs sollen als Frühwarnsystem dienen und Informationen zu Bedrohungen für Unternehmen und für die EU bereitstellen. "Zum ersten Mal werden wir versuchen, Threat Intelligence zusammenzuführen und diese mit den Mitgliedstaaten zu teilen", sagte Tagliaretti. Dies sei erst der Anfang; das Netzwerk werde wachsen, neue Verbindungen knüpfen und alle Mitgliedsstaaten wie ein Spinnennetz abdecken. Und im Falle eines Angriffs auf ein EU-Land liege es an der ENISA, der Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit, die Reaktion zu koordinieren. 

"Wir verfügen über so viele Fähigkeiten, so viele Kapazitäten, so viel Know-how und so viele Ideen. Lasst uns all das zusammenbringen und gemeinsam daran arbeiten, Europa für die Zukunft sicherer und wettbewerbsfähiger zu machen", schloss Tagliaretti seine Präsentation. "Das ist unsere Superkraft."

Der Cyber-Weltkrieg 

Ein Punkt, den auch Ivan Kalabashkin, stellvertretender Leiter der Cyberabteilung des ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU), in einem anschliessend Panel ansprach. "Es ist entscheidend zu verstehen, dass kein Land wirklich sicher sein wird, wenn wir aufhören, Informationen und insbesondere Cyber Threat Intelligence miteinander zu teilen." 

Das Panel auf der Bühne der Global Cyber Conference (v.l.): Florian Schütz, Direktor des BACS, Ivan Kalabashkin, stellvertretender Leiter der Cyberabteilung des ukrainischen Sicherheitsdienstes, Luca Tagliaretti, Executive Director des ECCC, und Lucas Kello. Professor für Technologie und Geopolitik an der University of Oxford. (Source: Netzmedien)

Das Panel auf der Bühne der Global Cyber Conference (v.l.): Florian Schütz, Direktor des BACS, Ivan Kalabashkin, stellvertretender Leiter der Cyberabteilung des ukrainischen Sicherheitsdienstes, Luca Tagliaretti, Executive Director des ECCC, und Lucas Kello. Professor für Technologie und Geopolitik an der University of Oxford. (Source: Netzmedien)

Aus seiner Sicht habe der Cyber-Weltkrieg bereits begonnen. In den vergangenen Jahren habe die Ukraine mehr als 16’000 Cyberattacken auf Regierungsnetzwerke und kritische Infrastruktur registriert. "Es gibt keine Art von Angriffen, mit der wir nicht vertraut sind", sagte Kalabashkin.

"Die Grenze zwischen dem zivilen und dem Verteidigungsbereich verschwimmt zunehmend", sagte Tagliaretti während des Panels. "Genau hier müssen wir Beziehungen aufbauen und Vertrauen schaffen, um sicherzustellen, dass wir uns gegen Bedrohungen verteidigen können, die derzeit vom Militär und vom Verteidigungssektor entwickelt werden."

Die Verpuppung des CISOs und das Minimum Viable Enterprise

Die Konferenz deckte weit mehr ab als Cyberkrieg und Geopolitik. So sprach der CISO des Jahres 2025 und aktuell CISO der Mobiliar, Daniel Walther, über den CISO 2.0. Die aktuellen Umbrüche in der IT und der Cybersecurity gehen nämlich auch an der Funktion des CISOs nicht spurlos vorbei. Daniel Walther, CISO der Mobiliar. (Source: Netzmedien)

Daniel Walther, CISO der Mobiliar und Swiss CISO of the Year 2025. (Source: Netzmedien)

Die Metamorphose, die CISOs nun durchmachen müssen, verglich Walther mit der Verpuppung einer Raupe zu einem Schmetterling. "Alte Strukturen lösen sich auf, während neue Bedrohungen und Angriffsflächen entstehen", sagte Walther. Was dabei sozusagen als DNA erhalten bleiben müsse, von einem Stadium zum nächsten, sei eine konsequente Cyberhygiene. Walther zählt dazu etwa MFA, Zero Trust und vollständige Transparenz über Assets und Abhängigkeiten.

Security muss nun beweglich und möglichst autonom werden. Statt für jede Bedrohung neue Regeln und Gremien zu schaffen, sollen Systeme Risiken erkennen, priorisieren und schnell reagieren - etwa indem sie Angriffe automatisch eindämmen. "Gerät ein Schmetterling in eine Windturbulenz, gibt es kein Komitee, das ihm sagt, wie er darauf reagieren soll", verglich Walther. So solle auch der CISO 2.0 sein: schnell, autonom und anpassungsfähig. 

Roman Haltinner, Partner und Cybersecurity Competency Leader bei EY Schweiz. (Source: Netzmedien)

Roman Haltinner, Partner und Cybersecurity Competency Leader bei EY Schweiz. (Source: Netzmedien)

Bei Roman Haltinner, Partner und Cybersecurity Competency Leader bei EY Schweiz, ging es um Minimum Viable Enterprises (MVE) - und somit um Business Continuity Management. Ein MVE ist die kleinste, funktionierende Version eines Unternehmens, das im Ernstfall während eines schweren Vorfalls weiterhin die Kunden bedienen und Mitarbeitende bezahlen könnte. Statt sich auf die bekannten "Kronjuwelen" zu fokussieren, sollten sich Unternehmen besser fragen, wie ihre Version eines MVE aussieht.

Teil der Global Cyber Conference war auch wieder die jährliche Verleihung der Swiss CISO Awards. Diese fanden nach dem ersten Konferenztag statt. Während der Konferenz gab es aber bereits einen kleinen Vorgeschmack auf die Award-Show mit drei "ganz besonderen" Auszeichnungen. Weshalb Florian Schütz vom BACS, Tom Schmidt von EY und Matthias Gsteiger vom Swiss Cyber Institute einen Award erhielten und wer am Abend zum Swiss CISO of the Year gekrönt wurde, erfahren Sie hier.

 

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