Wie digitale Souveränität greifbar wird
Nextcloud positioniert sich als digital souveräne Alternative zu Microsoft 365 und Co. Am ersten Nextcloud Enterprise Day in Bern erklärten das Unternehmen und seine Kunden dem Publikum, was digitale Souveränität eigentlich bedeutet und warum die Schweiz sich darum bemühen sollte.
Nextcloud entdeckt den Schweizer Markt. Das Unternehmen hinter der quelloffenen Kollaborationslösung veranstaltete am 11. Mai 2026 zum ersten Mal einen Nextcloud Enterprise Day in Bern. Auf der Bühne zeigten Macher und User der Plattform, was Nextcloud alles kann.
Matthias Stürmer, Mitgründer des Netzwerks für Schweizerische digitale Souveränität. (Source: zVg)
46'000 Nutzerkonten an der ETH
Nextcloud positioniert sich als quelloffene Alternative zu populären Kollaborationsplattformen. Am Enterprise Day ging es dabei am häufigsten um Lösungen von Microsoft, aber nicht nur. "Die ganze Verwaltung in der Schweiz hängt am Tropf von Microsoft, von AWS, von Google", kommentierte etwa Matthias Stürmer, Mitgründer des Netzwerks für Schweizerische digitale Souveränität. Das Netzwerk will den Einsatz quelloffener Lösungen in der Schweiz fördern und bewirbt insbesondere Open Desk, ein Paket mehrerer Open-Source-Komponenten inklusive Nextcloud, als Alternative zu Microsoft 365. Der Bund habe Open Desk unlängst in einem ersten Pilot getestet und die Lösung "sehr positiv beurteilt", wie Stürmer sagte.
Tilo Steiger, Business Continuity Manager der ETH Zürich. (Source: zVg)
Mit der Stiftung Switch und der ETH präsentierten sich zwei der wohl grössten Nextcloud-Kunden der Schweiz. Beide Organisationen entschieden sich schon vor weit über 10 Jahren für den Einsatz quelloffener Software. Bei Switch ist Nextcloud ein Teil des IT-Angebots, welches die Stiftung für hiesige Hochschulen erbringt. An der ETH wiederum steckt Nextcloud im Kern von Polybox, einer Plattform, die diverse für die Hochschule relevante Services vereint, wie Tilo Steiger, Business Continuity Manager der ETH Zürich, ausführte. "Wir haben nun etwa 46'000 Accounts und 141 Millionen Files", verriet der Referent. "Die Daten bleiben in der Schweiz, die bleiben an der ETH und die bleiben in unseren eigenen Datacentern". Somit stehe das System unter lokaler Kontrolle der ETH, womit sie auch den Datenschutz sicherstellen könne.
Während sich die meisten Präsentationen direkt mit Nextcloud befassten - von Migration-Usecases zu Anwendungs-Demos -, vertieften einige Gäste das Thema "Digitale Souveränität" grundlegender. Nextcloud-CEO Frank Karlitschek lieferte in seiner Keynote die wichtigsten Argumente für digitale Souveränität:
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Verfügbarkeit: Ist die IT-Infrastruktur im eigenem Hoheitsgebiet, entfällt ein Druckmittel ausländischer Mächte in geopolitischen Konflikten. Zudem werden lokale Digitalgesetze erst durchsetzbar.
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Kosten: Die Quasi-Monopolstellung grosser Tech-Konzerne gibt ihnen freie Hand, die Preise zu erhöhen. Dazu kommen Unsicherheiten bezüglich möglicher Digitalzölle. Auch hier lohnen sich lokale Datenstandorte.
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Sicherheit: Dass ausländische Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden Daten grosszügig abgreifen, ist seit Edward Snowden bekannt. Der KI-Boom macht es solchen Behörden einfacher, die Datenmengen gezielt auszuwerten.
Werbeversprechen entzaubert
Dass es sich bei diesen Aspekten nicht um theoretische Risiken, sondern um praktische Gefahren handelt, illustrierte Karlitschek mit mehreren reellen Beispielen, gefolgt von einem Appell: In einer Demokratie sei es essentiell, "dass wir wissen, was mit den Daten passiert und wer Zugriff hat".
Dass Karlitschek aufzeigte, wie viel Nextcloud zu digitaler Souveränität beiträgt, war zu erwarten. Doch der Nextcloud-Chef nutzte seinen Vortrag auch für eine Offensive gegen die konkurrierenden Tech-Giganten und deren "Digital Sovereignity Washing", wie er es nannte. Aus echten Präsentationen eines amerikanischen Hyperscalers zeigte er beispielhaft, mit welchen Tricks der Anbieter den Eindruck digitaler Souveränität zu erzeugen versucht. So werben solche Unternehmen etwa ausgiebig mit ihrer eingesetzten Open-Source-Software. Tatsächlich aber seien nur "einige kleine Komponenten auf dem Stack" quelloffen. Die essentiellen Teile der Plattform lege der Anbieter nicht offen, so Karlitschek, und damit sei auch keine Souveränität mehr gegeben. Als "ganz kreative Dinge" bezeichnete der CEO die Werbeslides für einen angeblich Ende-zu-Ende-verschlüsselten Hypervisor. Der Anbieter erweckt damit den Eindruck, der Kunde könne einen virtuellen Server samt diversen Services in der Cloud eines Tech-Konzerns betreiben, ohne dass der Cloud-Anbieter darauf zugreifen könne. Mit dem Slogan "Bring your own key" versichere der Anbieter, dass nur der Kunde die erforderlichen Entschlüsselungs-Keys besitze.
Allerdings könnte solch ein Angebot technisch schlicht nicht funktionieren, stellte Karlitschek klar. "Nur wenn eine virtuelle Maschine entschlüsselt ist, kann man sie auch booten"; dafür wiederum benötige der Hyperscaler den passenden Schlüssel. Bei den "Keys", die laut Werbung nur beim Kunden liegen, handle es sich nicht um Entschlüsselungs-Keys, sondern um Authentication-Keys, "also im Grunde um Passwörter", entlarvte der Nextcloud-Chef.
Awareness mit Comics
Für die meisten im Publikum dürften die Plädoyers für mehr digitale Souveränität nichts Neues gewesen sein. Allerdings wird der Ruf nach Souveränität auch in der Bevölkerung lauter, wie Alexander Steiner von der Digitalen Gesellschaft (Digiges) erwähnte. Er berief sich auf eine unlängst veröffentlichte GfS-Umfrage, in welcher 79 Prozent der Interviewten angaben, sie würden lieber "eine eigene Lösung mit höheren Umstellungskosten" verwenden als "eine internationale Lösung mit geringem Aufwand".
Doch wie erklärt man einer technisch nicht versierten Person das Konzept und den Wert digitaler Souveränität? Steiner und seine Mitstreiter setzen dafür auf die Grundsätze "Alltagsszenarien statt Tech-Jargon" und "Bilder statt Worte". Begleitet von passenden Illustrationen, zeichnete der Referent die Entstehungsgeschichte eines Fondues nach, von Landwirtschaftsbetrieben bis zur Kasse im Warenhaus. Der Weg ist mehrfach gesäumt von digitalen Abhängigkeiten. Steiner verwies etwa auf den US-amerikanischen Traktorenhersteller John Deere, der Fahrzeuge aus der Ferne abschalten könnte; oder auf die Kreditkartenfirmen Visa und Mastercard, die aufgrund US-amerikanischer Sanktionsbestimmungen Kunden vom weltweiten Zahlungsverkehr abschneiden müssten. Auch Steiner ergänzte diese Szenarien mit bereits passierten Beispielen.
Steiner beendete seinen Vortrag mit einem Plädoyer: "Wir haben diesen Moment, dieses Zeitfenster, wir können es auch den Trump-Effekt nennen. Das erlaubt uns, Allianzen zu schmieden, die vorher nicht möglich waren. Wir haben sogar die Bevölkerung im Boot", gab er sich optimistisch. Zudem gebe es heute technisch funktionierende Alternativen. Schliesslich erinnerte er an die Schweizer Geschichte: "Wir sind doch das Volk, das sich von fremden Vögten nichts vorschreiben lässt. Es ist Zeit, diese Geschichte ins Digitale zu übersetzen".
Lesen Sie auch: Die Digitale Gesellschaft forderte bereits 2025 in einem Positionspapier, digitale Souveränität als strategisches Ziel der Schweizer Digitalpolitik zu verankern. Die Schweiz soll ihre Abhängigkeit von Techkonzernen wie Microsoft und Amazon beenden.
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